Kinostart
am 1.6.2017

Interview mit Bertram Verhaag

FRAGE: Bertram, die Themen „Gentechnik und Agrogentechnik“ und „nachhaltige / biologische Landwirtschaft“ durchziehen Dein ganzes filmisches Werk. Angefangen bei einem Deiner ersten Filme zum Thema Gentechnik, TOTE ERNTE (2001, zusammen mit Kai Krüger) bis hin zu Deinem zuletzt sehr erfolgreichen Kino-Dokumentarfilm DER BAUER UND SEIN PRINZ (2014) und ganz aktuell CODE OF SURVIVAL. Woher kommt Dein - im wörtlichen Sinn - nachhaltiges Interesse an diesen Themen?

Bertram Verhaag: Grundsätzlich habe ich ein großes Interesse an unserer Um- und Lebenswelt. Und das Bewusstsein darüber ist stetig gewachsen. Umwelt bedeutet für mich weit mehr als Wiesen, Bäume und Blumen. Umwelt bedeutet für mich alles, was ich esse und trinke, die Luft, die ich atme und die Lebensbedingungen meiner Mitmenschen und meiner Mitgeschöpfe, der Tiere und Pflanzen. Dazu gehört auch der politische Raum, in dem sich der Mensch bewegt. Und natürlich die Landwirtschaft. Wobei ich von Landwirtschaft kein romantisches Bild vor mir hertrage, wie ein Bauernhof auszusehen hat. Aber: Ich habe ein sehr genaues Bild davon, wie Landwirtschaft mit dem Boden, mit den Pflanzen und den Tieren umgehen sollte. Das ist für mich das innere Anliegen, realistisch dahingehend zu wirken, etwas positiv zu verändern. Ich möchte keine illusorischen Utopien in den Himmel malen, sondern ganz konkret Dinge, von denen ich sehe, dass sie nicht richtig laufen, positiv verändern. Was Landwirtschaft für die persönliche Entwicklung eines Menschen bedeuten kann, das habe ich selbst erfahren dürfen.

 

Bertram Verhaag wurde am 1. März 1944 in Sosnowitz im heutigen Polen geboren. Sein Vater arbeitete als Direktor in einem Kohlekraftwerk in Oberschlesien. Von dort floh die Familie nach dem Krieg auf den Bauernhof der Großeltern an den Niederrhein. Die ersten sechs Jahre seines Lebens verbrachte Bertram Verhaag auf diesem Hof, der noch heute im Familienbesitz ist. Bevor Film eine so wichtige Rolle in Bertram Verhaags Leben spielte, schlug er zunächst einen ganz anderen Weg ein: Er studierte Betriebswirtschaft, machte einen Abschluss in Volkswirtschaft und sammelte eher ernüchternde Erfahrungen im Berufsleben - bei der Stadtverwaltung München. Seine Arbeit dort erlebte er als folgenlos, Studien zum Thema „Vertreibung älterer Menschen aus ihren angestammten Wohnvierteln“ landeten in verschlossenen Schubladen, weil die Ergebnisse unbequem waren. Er beschloss, auf der Filmhochschule nochmal ganz neu anzufangen und mit Filmen Dinge aktiv zu bewegen. Bereits in dieser Zeit erwachte das Interesse am Thema Landwirtschaft aufs Neue, insbesondere seit er entdeckte, dass Pflanzen gentechnisch verändert werden.

FRAGE: Du bist ein entschiedener Gegner der Gentechnik. Was empört dich so am Einsatz dieser Technik?

Bertram Verhaag: Pflanzen werden ja nicht gentechnisch verändert, um uns, den Menschen, bessere Pflanzen oder Lebensmittel zu geben. Vielmehr dient dies dem einzigen Ziel, mehr Profit zu machen, Patente anzumelden und die Macht über den Markt zu bekommen. Diese Erkenntnis war für mich der Anstoß, zum Thema Gentechnik zu arbeiten und darüber Filme zu machen.

Bertram Verhaags erster Film zum Thema Gentechnik war TOTE ERNTE (2001). Darin portraitiert Bertram Verhaag unter anderem den kanadischen Getreidefarmer Percy Schmeiser, der vom Chemieriesen Monsanto auf 400.000 Dollar Schadenersatz verklagt wurde, weil er angeblich widerrechtlich patentiertes Saatgut „genutzt“ hatte. Offensichtlich hatten Stürme Samen oder Pollen genmanipulierter Rapspflanzen von den Feldern seiner Nachbarn auf seine Farm getragen. Bertram Verhaag begleitete Percy Schmeiser zehn Jahre lang und machte nach Beendigung des Prozesses noch einen Film über ihn und seinen Kampf gegen Monsanto: „PERCY SCHMEISER – DAVID GEGEN MONSANTO“ (2009).

 

Bertram Verhaag: Der Filmtitel TOTE ERNTE bezieht sich darauf, dass Saatgut gentechnisch so verändert wird, dass es nur einmal keimfähig ist. Das bedeutet, wenn wir die Früchte dieser Pflanzen essen, essen wir im Grunde totes Getreide. Dadurch, dass das Saatgut nicht mehr keimfähig ist, werden die Bauern gezwungen, jedes Jahr aufs Neue Saatgut zu kaufen. Und zwar von genau jener Industrie, die es zuvor gentechnisch verändert hat und nun das Patent für dieses Saatgut besitzt. Das ist die eine Sache, die mich sehr empört. Die zweite ist die, dass es der Industrie überhaupt erlaubt wird, in das Urkorn des Lebens einzugreifen und es gentechnisch zu verändern. Und niemand, weder ich noch sonst irgendein Bürger in unserer hochgepriesenen Demokratie wurde gefragt, ob der Industrie dies erlaubt werden darf. Da wird Jahrtausende altes Bauernrecht einfach aufgehoben. Und nun kommt der nächste Schachzug der Industrie: Die gentechnisch veränderten Pflanzen werden so gezüchtet, dass sie – und nur sie – unempfindlich werden gegen ein bestimmtes Gift, das genau jene Firma vertreibt, die zuvor in die Gene des Saatguts eingegriffen hat.

FRAGE: Du meinst Monsanto und sein Spritzmittel „Roundup“?

Bertram Verhaag: Genau. Dieses Gift tötet auf dem Acker alles ab – außer der gentechnisch veränderten Pflanze. Das finde ich ein absolut perverses System. Wer denkt sich so etwas aus? Warum schreien nicht alle auf und sagen, dass sie das nicht wollen? Warum glauben die Menschen eher der Industrie, die Studien fälscht und uns glauben machen will, dass die gentechnische Veränderung ungefährlich sei? Glyphosat, der Hauptwirkstoff in „Roundup“, verhindert zusätzlich, dass die Pflanzen die Mikronährstoffe und Mineralien aus dem Boden aufnehmen und wir uns diese über die Nahrung wieder zuführen können, um uns gesund zu halten oder sogar zu heilen.

Es gibt ein ganz markantes Beispiel: Alle Leguminosen, d.h. Hülsenfrüchtler wie Erbsen und Bohnen, haben an ihren Wurzeln kleine Knöllchenbakterien, die in der Lage sind, aus der Luft Stickstoff aufzunehmen und der Pflanze zum Wachstum zuzuführen. Durch die gentechnische Veränderung der Pflanze werden diese Knöllchenbakterien der Pflanze zerstört. Mit dem Resultat, dass die Pflanze keinen Stickstoff mehr binden kann. Die Folge: Die Bauern müssen Stickstoff kaufen und den Boden künstlich düngen. Im natürlichen Kreislauf wäre das nicht nötig – alles reguliert sich in einem natürlichen Kreislauf – ohne giftige Pestizide und Chemiedünger.

Dies alles gehört zu den Dingen, die ich im Laufe meines Lebens und meiner Arbeit gelernt habe. Und dieses Wissen und eben jene Gedanken, die mich bewegen, möchte ich durch meine Filme mit den Zuschauern teilen. Und zwar so, dass es jeder, auch jeder Nicht-Experte, verstehen kann.

FRAGE: Das heißt, du hast als Regisseur einen aufklärerischen, didaktischen Ansatz. Du willst die Menschen aber auch aufrütteln und ihnen Mut machen, selbst etwas zu bewegen. Keiner soll in die gemütliche Starre verfallen a lá „Da kann man eben nichts machen!“ Wie ist Dein Eindruck nach den vielen Gesprächen, die du gerne nach den Filmvorführungen führst: Gelingt das?

Bertram Verhaag: Ja! Ich habe da sehr positive Erfahrungen gemacht. Die Kinobesucher rufen mich oft nach dem Besuch meiner Filme am nächsten Tag an und bestellen eine DVD, um sich nochmals mit dem Film und den Inhalten zu beschäftigen oder an andere weiterzugeben. Das bestärkt mich sehr. Wichtig ist mir, dass ich keine Dokumentationen drehe, sondern Dokumentarfilme. Eine Dokumentation würde Bilder liefern und einen Kommentar dazu einblenden. Genau das mache ich nicht in meinen Filmen. Ich achte darauf, dass sich der Film durch die Bilder und das, was die Menschen sagen, von selbst erzählt. Ich liefere keine Kommentare dazu. Das ist eine sehr viel intensivere Vermittlung. Die größte Bestätigung, dass mir das gelingt, hat mir ein Zuschauer geliefert. Er sagte mir, man spüre mich in den Antworten der Protagonisten.

Ich mache keine Filme, die nur gegen etwas sind, in denen Monsanto und die anderen großen Konzerne im Vordergrund stehen. Mir ist es wichtiger, die andere Seite zu zeigen, Menschen zu portraitieren, die mit guten Ideen und viel Engagement der Gentechnik eine verantwortungsvolle, nachhaltige Landwirtschaft entgegensetzen, wie in unserem aktuellen Film CODE OF SURVIVAL. Wir zeigen drei großartige nachhaltige biologische Projekte in Indien, in Ägypten und in Deutschland, die wir mit den Erfahrungen amerikanischer Farmer mit der Gentechnik konfrontieren.

FRAGE: Dieses Herangehen an die Protagonisten und an die Sache spürt man in Deinen Filmen. Es kommen ja durchaus auch Personen zu Wort, mit denen du nicht einer Meinung bist. Du stellst sie nicht bloß, sondern hörst ihnen sachlich zu. Ich denke etwa an das Interview mit George Jeffords, der CODE OF SURVIVAL eröffnet. Er gehört zu den fast 90 Prozent der US-Farmer, die gentechnisch veränderten Mais anbauen. Fällt es dir manchmal schwer, nicht kommentierend einzugreifen?

Bertram Verhaag: Nein. Um bei George Jeffords zu bleiben: Er hat ja nicht Unrecht, mit dem, was er sagt. Er fragt mich zum Beispiel, ob ich selbst ein Handy und eine Mikrowelle besitze. Das tue ich, ich nutze sie, obwohl mir die Gefahren bekannt sind.

Insgesamt werden knapp 70 Millionen Hektar Anbauflächen in den USA mit gentechnisch veränderten Sojabohnen, Mais und Baumwolle bepflanzt. George Jeffords ist sich über die Gefahren von gentechnisch veränderten Pflanzen durchaus bewusst. Er bedauert die Entwicklungen der Landwirtschaft, die mit dem industriellen Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen einhergeht. Dennoch kommt er – zumindest bisher noch - zu dem Schluss, nur über gentechnisch veränderte Pflanzen die Welt ernähren zu können.

FRAGE: Nochmal zurück zu dem, was du bewirken willst mit Deinen Filmen. Nicht jeder ist Landwirt und kann insofern auf gute und nachhaltige Landwirtschaft Einfluss nehmen. Was konkret wünschst du dir von den Zuschauern, die zumeist Konsumenten und nicht Produzenten sind?

Bertram Verhaag: Dass sie selbstbewusst und kritisch nachfragen, wie die Lebensmittel produziert wurden und was darin enthalten ist. Es gehört von Seiten der Konsumenten auch Mut dazu, beim Bäcker konkret nachzufragen, was denn eigentlich in dem Brötchen außer Mehl, Wasser und Salz noch drin ist. Und woher das Mehl kommt. Ich wünsche mir, dass die Menschen sich einmischen. Auf Dauer wird das auch das Angebot verändern. Vieles ist ja schon erreicht worden. Zum Beispiel beginnen große Discounter, nur noch Eier von Hühnern zu verkaufen, die nicht mit gentechnisch verändertem Futter gefüttert werden und verändern sie die Produktionsbedingungen unserer Lebensmittelherstellung. Aus diesem Grund mache ich auch immer mehrere Filme zu einem Thema. Ich glaube, dass meine Filme und die Nachhaltigkeit, mit der ich Themen behandele, etwas anstoßen und Bewusstsein verbreiten. Meine Filme zum Thema Atomkraft beispielsweise haben ganz sicher mit zum Ausstieg aus der Atomkraft beigetragen. Ebenso wie meine zehn Filme gegen Gentechnik geholfen haben, dass Deutschland und Europa weitgehend frei sind vom Anbau gentechnisch veränderten Getreides.

FRAGE: Wie reagiert eigentlich Monsanto auf Deine Filme? Am Fall Percy Schmeiser kann man sehen, dass der Konzern mit Klagen nicht zimperlich ist.

Bertram Verhaag: Oh ja, es gibt viele, die von Monsanto verfolgt werden. Aber bislang bin ich davon nicht betroffen. Die erste Reaktion von Monsanto war, nicht mehr mit mir zu reden. Schon nach meinem ersten Film TOTE ERNTE bekam ich keinen Gesprächspartner des Konzerns mehr vor die Kamera. Monsanto versuchte zweimal, Filme von mir über einstweilige Verfügungen zu verhindern. Das gelang aber nicht, weil alles sauber recherchiert und nicht angreifbar war. Alles, was konkret passiert ist: Ich bekomme einfach keine Interviews mehr von Monsanto. Dies wiederum veranlasst unser Fernsehen – bis auf wenige Ausnahmen – meine Filme als einseitig oder aktionistisch aus dem Programm zu verbannen. Interessanterweise gilt das auch für meinen im Kino sehr erfolgreichen Film DER BAUER UND SEIN PRINZ über die Ökofarm von Prince Charles, die er seit 30 Jahren erfolgreich bewirtschaftet. Anscheinend fürchten die Mächtigen mit Recht, dass durch zu positive Beispiele die Lügen der industriellen Landwirtschaft langsam durchsichtig werden. Folgerichtig - im Sinne der Industrie - wurde der Film vom königlichen Haushalt (The Royal Household) für eine Auswertung in England verboten.